Von Hilfe und sich helfen lassen

P1010483Es war so ein Abend, an dem ich dachte „okay, genug Internet für heute“. Wenn ein Mensch nur noch einen Ausweg darin sieht, sich das Leben zu nehmen ist das nie schön. Es macht einen sprachlos, fassungslos und/oder traurig. Steht dieser Mensch in der Öffentlichkeit, zieht das natürlich eine Menge Meinungen im Internet mit sich. Und dieses Internet und diese Meinungen haben mich tatsächlich noch sprachloser gemacht. Und wütend. So wütend, dass ich, obwohl ich nicht einmal die Musik besagter Person höre, zum Laptop gegriffen habe und mir den Frust von der Seele schreiben musste.

Depressionen sind keine schlechte Laune, kein schlechter Tag und keine Verstimmung. Depressionen sind verdammt noch einmal (tschuldigung) eine Krankheit. Wenn jemand mit einer sichtbaren Krankheit sterben will, bekommt diese Person Zuspruch, dass „dann wenigstens nicht mehr gelitten wird“. Aber sobald man etwas nicht sehen kann – was bei psychischen Krankheiten der Fall ist – ist es egoistisch und feige. Denn „das wird schon wieder, jeder hat mal einen schlechten Tag“.

Menschen, die sich aufgrund einer (psychischen) Krankheit das Leben nehmen, sind nicht feige. Auch nicht egoistisch. Depressionen machen mit der Psyche Dinge, die man sich gar nicht vorstellen kann. Man denkt nicht „Ihr geht mir alle auf die Nerven, ich nehm mir das Leben“. Das Problem sehen die meisten Menschen in sich selbst. Viel mehr geht der Gedanke in die Richtung „Ich belaste euch, das Leben ist besser ohne mich“. Wo ist da der Egoismus? Wo ist das feige? Ich hatte selbst schon solche Gedanken in meinen ganz schlechten Zeiten. Ich war der festen Überzeugung, dass es besser wäre und für alle mir nahestehenden Personen leichter, wenn ich keine Probleme mache. Denn ich habe mich als einziges Problem gesehen.

Wenn ich nun lese, dass Leute, die offensichtlich noch nie mit Depressionen zu tun hatten, behaupten, ein Selbstmord wäre in diesem Fall ein im Stich lassen der Familie, dann werde ich einfach nur wütend. Vielleicht denkt sich dieser Mensch, dass die Familie es besser hat ohne ihn, dass er keine Belastung mehr ist. Vielleicht will er sie damit vor Problemen schützen. Natürlich ist sowas schwer für alle Hinterbliebenen. Aber man darf nicht unterschätzen wie es mit dieser Depression im Kopf ist. Wenn Selbstmord der letzte Ausweg ist, dann ist es kein Davonlaufen, sondern ein sich geschlagen geben. Man hat für sich selbst die Grenze erreicht, wo es einfach nicht mehr geht und man auch keinen Ausweg mehr sieht und keine Hilfe als Hilfe wahrnimmt. Vielleicht ist es zum Verständnis vergleichbar mit einer Krankheit, die den Körper besiegt hat.

Umso wichtiger finde ich es, dass offen über solche Dinge gesprochen wird. Wenn ich nicht sowieso dieser Meinung wäre – keine Ahnung, was solche dummen Kommentare im Internet mit mir machen würden. Wenn ich still und heimlich an der Depression zu knabbern hätte und dann lesen müsste, dass ich eigentlich nichts habe, dass ich mir das bloß einbilde, dass ich mir vor Augen führen sollte, dass es manche Menschen wirklich schwer im Leben haben im Gegensatz zu mir und mich schämen soll. Wegen solcher Kommentare trauen sich Leute nicht, sich Hilfe zu suchen und dann kann es ganz schnell zu spät sein.

Genauso wie man Blut spenden geht um Kranken zu helfen, könnte man jemandem mit psychischer Krankheit einfach eine Stütze sein. Vielleicht sogar den Schritt wagen und sagen „Wollen wir dir vielleicht mal Hilfe suchen?“ Das sind genau die Worte, die meine Mama mir gesagt hat. Ich habe gesagt „okay“ und nicht mehr. Dann habe ich mich mies gefühlt, denn wer will schon von sich behaupten zum Psychiater zu gehen? Aber umso wichtiger war es, dass mir jemand anderes dabei geholfen hat. Und selbst, wenn man sich das nicht zutraut, kann man immer noch mit einer Packung Eis vor der Tür stehen und einfach da sein. Ich wollte anfangs niemanden in meiner Nähe haben, wenn es mir richtig mies ging, aber das haben meine Eltern einfach schonungslos ignoriert und mich aus der Reserve gelockt. Und rückwirkend betrachtet war das genau richtig.

Also keine Angst – davor sich Hilfe zu suchen oder sich als Hilfe anzubieten. Im Gegensatz zu diesen bildungsfernen Wesen, die meinen, entsprechende Sprüche rauszuhauen, sind da im Internet ja zum Glück noch genügend andere, die einfach ein offenes Ohr anbieten. Ihr seid toll!

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6 Gedanken zu “Von Hilfe und sich helfen lassen

  1. Hey, ich bin durch Buchkrähe zu deinem Blog gekommen und gerade bei dem Thema hier hängen geblieben.
    Ich finde es wichtig und richtig, dass mehr über Depressionen gesprochen wird. Eine Depression sollte genauso wenig zu Stirnrunzeln führen, wie eine Krebsdiagnose.
    Auch sehe ich es genauso, dass im Internet zu manchen Thema auch ruhig mal der Tenor „einfach mal die Klappe halten“ herrschen darf, weil manche Themen zu komplex sind, um sie bloß zu „kommentieren“.
    Jetzt kommt das „aber“ (du hast es sicher schon geahnt) – mir persönlich fehlt auch die Sicht der Angehörigen, denn am Ende sind sie die „Überlebenden“. Und hier mischt sich oft Trauer und auch Scham (eben weil Depressionen so stigmatisiert sind). Vielleicht steckt das hinter dem Satz „im Stich gelassen“ – denn so fühlt es sich für viele Angehörige an (egal, was im Kern hinter einer Depression steckt, was du auch sehr klar beleuchtet hast).
    Wenn ich es richtig rausgelesen habe, bist du selber betroffen. Ich hoffe daher, dass du versteht, was ich mich meinem Kommentar ausdrücken wollte. Es gibt zwei Seiten – die Angehörigen und die betroffenen Personen. Vielleicht sollte daher der Rest sich ein Urteil sparen und statt einer Kommentarleister lieber die Köpfe öffnen.

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    1. Ich verstehe, wie du das meinst 🙂
      Ich denke auch, dass Angehörige genauso ihr Recht haben, sich eine Meinung über die Entscheidung eines Betroffenen zu bilden. Sie sind dann ja auch plötzlich allein und irgendwie müssen sie ihre Gefühle dann natürlich ausdrücken.

      Nur das Internet mit seinen Kommentaren sollte eben manchmal die Klappe halten, da hast du Recht ;D

      Liebe Grüße
      Miriam

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  2. Hey Miriam,

    du hast Recht, niemand der eine Depression nicht selbst kennt, sollte sich ein Urteil darüber erlauben. Ich wünschte es würde da mehr Empathie anstatt von Verurteilung geben.

    Deine Vorschläge, wie man Hilfe anbieten kann, werde ich mir zu Herzen nehmen!

    Liebe Grüße
    Melli

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